Startseite
Wer bin ich
Musikalisches
Genealogie
Bilder aus Amerika
Indian Summer 2009
Mythologie
Anfahrt
 


oder: Menschliches von Göttern und Helden

frei nacherzählt von Gerd Lauing

Als wir, das ist der GV Freiheit Hambühren mit Gästen, vor einiger Zeit eine Studienfahrt durch Griechenland unternahmen, hatte ich die Aufgabe, die klassischen Orte archäologisch und mythologisch vorzustellen. Daraus entstand der folgende Text. Und weil schon Jaques Offenbach in seinen Operetten Zeitbezüge von der Antike in die Neuzeit herstellte, habe auch ich mich nicht entblödet, die antike Sagenwelt als Vorlage zu Realsatire zu missbrauchen. Aber man kann es auch, ohne die persönlichen Bezüge zu verstehen, als kleine Einführung in die antike Sagen- und Götterwelt lesen.

Es ist schon sehr lange her, jedenfalls war es kurz nach Erschaffung der Welt, da heirateten Uranos, der Himmel, und Gaia, die Erde - allerdings nicht standesamtlich, denn Deutsche mit ihrem Hang zu amtlicher Gründlichkeit gab es noch nicht; es dauerte auch gar nicht lange, da wurden dem göttlichen Paar Kinder geboren, und zwar mehrere, Jungen und Mädchen, schön der Reihe nach. Diese Kinder nun sahen sich mit der Zeit ebenfalls nach passenden Partnern um. So verbanden sich in Liebe, hätte Homer gesagt - oder war es von Anfang an nur Gewohnheit? - Kronos und Rhea. Irgendwie musste Kronos der Teufel geritten haben, denn bevor er sich mit seiner Schwester einließ, fragte er erst einmal das Orakel, wie denn seine Kinder geraten möchten. Möglicherweise hatte er doch schon rechtliche und medizinische Bedenken, weil er ja in zweiter Generation Inzucht trieb. Das Orakel, es wird wohl das in Delphi gewesen sein, das auch später immer wieder zum Zweifeln und Verzweifeln zutreffende Sprüche von sich gab, orakelte denn auch, dass eines seiner Kinder sein Nachfolger im Amt werden würde.

Das sind die Reste des Apollon-Tempels, Sitz des berühmten Orakels von Delphi, im "mystischen" Morgenlicht.

"So haben wir nicht gewettet!" meinte Kronos, denn an alles dachte er lieber als an den Verzicht auf die Macht. Da glich er offensichtlich sehr den modernen Politikern, die zumindest auf ihre Pfründe ungern verzichten möchten. Die Auswege in die Wirtschaft, den Universitätsdienst oder gar ins große Geschäft, wie sie heute abgedankten Politikern angeboten werden, gab es damals ja noch nicht.

Kurz - Kronos verspeiste jedes Mal sein neu geborenes Kind und schlang es unzerkaut hinunter. Nicht weil ihm die vollen Hosen etwas ausgemacht hätten, aber er wusste, dass die Kinder ebenfalls unsterblich waren, es also keine andere Möglichkeit gab, sie ständig unter Kontrolle zu halten. Auf diese Weise machte er es bei fünf Kindern, erst beim sechsten wurde Rhea langsam kritisch und ersann einen Ausweg, wie ihr Göttergatte einen Brocken zum Schlingen und sie ein Kind zum Stillen bekommen könnten. So wickelte sie das sechste Kind, es war ein Junge und erhielt den Namen Zeus, in Windeln, versteckte es, bevor Kronos es zu sich nehmen konnte, und legte ihrem mittlerweile schon etwas schwerfälligen Gatten - immerhin hatte er fünf unverdauliche Kinder-Brocken im Magen - einen hübsch verpackten Stein zum Fraß vor. Den bei Seite geschafften Säugling aber brachte sie auf die Insel Kreta, wo er in der Nähe des Berges Ida - die Höhle kann man heute noch besichtigen - von der Ziege Amalthea aufgezogen wurde. Und er gedieh prächtig.

Auf der Insel Kreta am Berg Ida zeigt man den Touristen die Höhle, in der der kleine Zeus von der Ziege Amalthea aufgezogen wurde.

Was soll ich sagen, der kleine Zeus war sich ja seiner Herkunft und der hohen Abstammung wohl bewusst - schließlich war er ein Gott - und machte sich deshalb bald, nachdem er groß genug geworden war, um nach dem Weg zum Olymp zu fragen, dorthin auf, trat vor seinen Erzeuger, reizte dessen Gaumen, und siehe da, der Stein und die fünf Kinder kamen ein zweites Mal zur Welt. "Strafe muss sein!", sagte Zeus zu Kronos und belegte ihn ab sofort mit Haus- und Regierungsverbot. Noch immer ganz benommen von der ungewöhnlichen Art von Geburt und eigentlich doch ganz zufrieden, dass er ohne Schwierigkeiten das Feld räumen durfte, verzog sich Kronos in den Schmollwinkel und lebt dort noch heute glücklich und zufrieden mit seiner treuen Rhea. Manche behaupten allerdings, Zeus habe noch Vorsorge getroffen, dass sein Erzeuger nicht weitere Kinder zum Frühstück verspeisen musste. Weil das nicht ganz unblutig ging, obwohl Zeus ein scharfes Messer genommen hatte - wir kennen das ja von dem kleinen Hamster, der mit dem Traktor kollidierte - fiel ein Tropfen ins Meer, unmittelbar bei der Insel Zypern, und so entstand aus dem Schaum die Göttin Aphrodite, die "Schaumgeborene", die ihrer Entstehung nach zur Göttin der Liebe prädestiniert war. Wenn Sie mich fragen, eine merkwürdige, aber immerhin bemerkenswerte Art von Fortpflanzung.

In dieser Luftaufnahme sehen wir die Insel Zypern. Hier soll die Göttin Aphrodite, die auch den Namen "Kypris" trägt, aus dem Meer aufgestiegen sein.

Die sechs Geschwister teilten sich nun in die verschiedenen Regierungsaufgaben, Zeus aber wurde aus Dankbarkeit für ihrer aller Errettung zum Chef bestimmt. Auch das ist leider für die moderne Zeit vorbildhaft geworden, dass sich bei Regierungswechsel die Zahl der Posten vermehrfacht.

So stellt man sich die Zeus-Statue in Olympia vor. Der berühmte griechische Bildhauer Phidias soll sie überwiegend aus Gold und Elfenbein geschaffen haben. Sie gehört übrigens zu den Sieben Weltwundern.

Die Götter haben, so wissen wir, ein wunderbares Leben, sie sind unsterblich, kennen keine Krankheiten, und deshalb ist ihr ganzes Leben ein Fest. Nektar und Ambrosia werden aufgefahren, die besten Musiker spielen zum Tanz und zur Unterhaltung auf. Was fehlt eigentlich noch, dass die Götter sich olympisch vergnügen?

Das ist der Hauptgipfel des Olymp. Wir können uns natürlich nur schwer vorstellen, dass hier einst ein Palast für die Götter gestanden hat. Doch den alten Griechen gab zu denken, dass der Berg häufig in Wolken gehüllt war. Und damals hatte man noch keine Zeit für Bergtouren, um den Gerüchten nachzugehen.

Nun ja, bisweilen haben auch Götter ihre allzu menschlichen Schwächen. Da ist zum Beispiel eine Göttin mit dem Namen Eris. Überall, wo diese Dame auftaucht, ist Stunk angesagt. - Jetzt sagen Sie nicht: "So jemanden kenn' ich auch!" - Wie sie das macht? Na, das will ich Ihnen in einer Geschichte erzählen.

Eines schönen Tages wollten die Götter wieder einmal eine "big party" steigen lassen. Der Saal wurde schön geschmückt, eine handverlesene Kapelle engagiert. Nektar und Ambrosia ließ man sich von den besten Schweizer Köchen zubereiten, Zeus setzte sich mit seinem Vergnügungsausschuss zusammen, um die passenden Leute einzuladen. Einer meinte: "Aber wenn wir richtig feiern wollen, dann dürfen wir Eris nicht einladen. Ich wollte nur erinnern, wie sie beim letzten Mal die Stimmung verdorben hat. Ist jemand dagegen?" Energische Vorschläge, richtig vorgebracht, finden immer ihre Mehrheit. Darum wurde einstimmig beschlossen, Eris nichts von der Party zu erzählen..

Die Party stieg. die Stimmung wurde immer besser, fast wäre es zu einer richtigen Orgie, zumindest zu einer Saalschlacht gekommen. Plötzlich rollte, offensichtlich durch ein offenes Fenster herein geworfen, ein goldener Apfel auf die Tanzfläche. Nun sollte man denken, Götter brauchten sich nach solchem Tand nicht zu bücken. Doch irgend einer tat's, hob den Apfel auf, sah die Inschrift, stutzte kurz, schaute sich um. Aber es war schon zu spät! "Was hast du da?" "Was steht da drauf?" "Ach, nichts", wollte er schon sagen. Aber die anderen schrieen durcheinander: "Gib her!" "Lass mich lesen!" So überrumpelt kam der Apfel in die Hände einer der Göttinnen, und sie rief: "Seht ihr, der ist für mich! Da steht es drauf! Das Urteil eines Kenners!" "Wieso?" "Was steht da drauf?" riefen alle durcheinander. Endlich bequemte sich einer, laut vorzulesen: "Für die Schönste." Wieder begann der Wettstreit um das größte Durchsetzungsvermögen in einer Gruppe auf stimmlicher Basis. Wenn der deutsche Männergesangverein noch eine Wurzel sucht, das muss seine Geburtsstunde gewesen sein.

Endlich hatte Zeus die Faxen dicke: "Ruhe", rief er und stieß drei Mal mit seinem Donnerkeil auf den olympischen Boden, was die in Griechenland gewohnten verheerenden Auswirkungen hatte; denn bei diesem Erdbeben fielen zum ersten Mal die leicht gebauten Paläste in den Hauptstädten zusammen, vielleicht ist sogar die Zerstörung des Palastes in Knossos noch darauf zurück zu führen. Die Hütten der Durchschnittsbürger aber blieben stehen. Katastrophen hatten damals eben noch menschliches Augenmaß!

Der Palast in Knossos auf der Insel Kreta war in Form einer Doppelaxt (griechisch: labrys) aufgebaut, wie die Archäologen herausgefunden haben. Die "Festlandgriechen" empfanden diese Bauweise als so verwirrend, dass sie den Palast als Labyrinth bezeichneten. Der nach der Mythologie hier wohnende Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, verlangte von den Athenern jedes Jahr sieben junge Männer und sieben Jungfrauen. Dieser Tributzahlung machte Theseus mit Ariadnes Hilfe ein Ende. Zum Dank nahm er das Mädchen mit, ließ es dann aber unterwegs auf der Insel Naxos zurück, weil es ihm schon nach dieser kurzen Zeit auf die Nerven ging. So etwas passiert heute nur noch bei den berühmten Hochzeiten der Hollywood-Schauspieler.

"Ist eine Bewerberin unter Euch, die auf diesen Titel Wert legt?" Sofort begann wieder das allzu menschliche Getümmel, bis Zeus erneut "Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen!" donnerte. Drei Damen schließlich kamen in die engere Wahl, alle von göttlicher Gestalt und von besonderer Reputation: Hera, die Gattin des Chefs - der in diesem Fall keinen Einspruch wagte, er konnte und wollte sich ja schließlich nicht scheiden lassen, das wäre ein falsches Signal gewesen -, Athene, seine Tochter, auch ein ansehnliches Frauenzimmer, und schließlich noch Aphrodite, als Göttin der Liebe sicher mit den notwendigen Reizen nicht unterversorgt. Da Zeus sofort erkannte, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden wäre, wenn er persönlich das Urteil spräche - Chef hin, Chef her -, fiel ihm rechtzeitig eine wahrhaft salomonische Lösung ein. "Nicht ich", sagte er, "werde hier entscheiden, sondern ich werde das Verfahren an eine sachverständige Instanz abgeben. Damit will ich Euch, meinen lieben Mitgöttern und Mitgöttinnen, beweisen", sülzte er, "dass auch ich zur Demokratie fähig bin." Beifälliges Gemurmel, besonders aus den hinteren Reihen, hieß die Entscheidung eines Göttervaters würdig. Nur einer sagte: "Der hat ja nur Schiss vor seiner Alten!" und traf damit wohl den Nagel auf den Daumen.

Das ist der berühmte Hermes des Praxiteles, er ist begleitet von dem Knaben Dionysos, der sich später als Gott des Weines etablieren wird.

"Auf, mein lieber Hermes, schnalle deine Flügelschuhe unter die Füße und nimm gleich noch für die Firma Quelle ein paar Päckchen mit, damit die Spesen gedeckt sind. Geh zu Paris, dem Königssohn von Troja. Er sitzt, wie ich sehe, gerade am Berge Ida in der Nähe von Troja und weidet dort seine Herde. Dem schildere das Problem, er wird mit Freuden das Amt des Richters übernehmen. Und Ahnung hat er auch!" lächelte etwas hämisch-süffisant der Vater der Götter und Menschen. So schwang sich Hermes in die Hufe, stand alsbald vor dem Hirten-Prinzen, gab ihm mit kurzen Worten seinen Auftrag kund, und bevor der noch eine Frage zu den Modalitäten des Verfahrens stellen konnte, war der Götterbote schon auf dem Weg zum ersten Kunden.

Wenig später stellten sich auch die Damen ein und sofort dem jungen Mann vor: "Ich bin Hera, du weißt, die Gattin des Zeus. Wenn du mich zur schönsten erklärst, werde ich dir Ruhm und Ehre schenken. Bedenke dies wohl, wenn du dich entscheidest!"

Natürlich gibt es von Athene auch prachtvolle Statuen. Ich möchte sie aber hier mit ihrem Helm zeigen. Denn sie war - vor allem für Odysseus - eine mächtige Kriegsgefährtin, worauf dieses Attribut besonders hinweist.

"Athene ist mein Name, Tochter bin ich des Zeus, Weisheit ist meine Stärke. Diese sollst auch Du von mir verliehen bekommen. Lass dieses Angebot Grundlage deiner Entscheidung sein!" sagte sie in leichter Anlehnung an den kategorischen Imperativ des Philosophen Kant."

Hier habe ich ein Bild der "Aphrodite Kallipygos" ausgewählt. Trotzdem zeige ich sie nur von vorne!  Wer den Titel trotzdem nicht versteht, muss sich einmal in ein griechisches Wörterbuch versenken. Da steht pyge als ein hier nicht sichtbarer Körperteil, auf dem man gewöhnlich sitzt.

"Aphrodite", lieblich lächelnd sprach sie ihn an, "bin ich, Göttin der Liebe. Die schönste Frau der Welt sei dein, wenn du mich wählst!" Mit knappen Worten hatte sie es gesagt, denn die Tatsachen, die sich hart - oder eben nicht so hart - im Raume stießen, schienen ihr für sich und sie zu sprechen. Paris schaute ratlos von einer zur andern, dachte wohl: "Was soll ich als Königssohn mit Macht und Reichtum? Was soll ich als Playboy mit Weisheit?" So weise immerhin war er. Laut verkündete er sein Urteil: "Dich, o holde Göttin, küre ich zur schönsten." So sprach er zu Aphrodite gewandt. Dass den anderen beiden das Urteil nicht schmeckte, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden. Doch sie hatten sich nun einmal dem irdischen Richter gestellt und mussten also sein Urteil - zähneknirschend zwar - hinnehmen.

Bliebe noch zu erwähnen, welchen Preis Paris errungen hatte. Ihm wurde die schöne Helena zugesprochen. Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Die Göttinnen würden zum Olymp zurückkehren, allmählich würde ihr Groll schwinden, nur manchmal über der Hausarbeit oder bei schlechtem Wetter würde der Zahn des Neides noch an ihnen nagen.

Doch nichts hat das neidische Geschlecht der Götter dem Menschen ohne Mühen gegeben. So musste denn auch Paris erfahren, dass sein Ehrenpreis bereits im Besitz eines anderen, nämlich des Königs von Sparta, genannt Menelaos, war. Doch das sei kein Problem, der sei gerade unterwegs und ohnehin körperlich mit Paris nicht zu vergleichen. Mühle auf also für den, der mutig wagt!

Zwar werfen die Athener den Spartanern immer vor, sie hätten nichts übrig für die Kunst, seien nur ein kriegerisches Volk. Doch hat sich bei den Ausgrabungen von Sparta ein Theater aus früher Zeit gefunden.

"Ich geh mal schnell mir eine Frau besorgen“, verabschiedete sich Paris von Eltern und Verwandtschaft. "Pass auf, dass du dich nicht erkältest!“ rief ihm seine Mutter nach. "Und gib nicht wieder so viel Geld aus!“ wollte ihm der besorgte Vater noch mit auf den Weg geben, aber sein Sprössling war schon um die Ecke. Wenige Tage später gelangte der junge Hirten-Prinz nach Sparta, fand alles, wie es ihm beschrieben war, wurde auch schnell mit Helena handelseinig, die wohl ohnehin schon lange die Nase von ihrem Alten voll hatte. Sie eilten zum Meer, bestiegen das Schiff und dampften mit vollen Segeln nach Troja ab, und vielleicht probierten sie unterwegs schon einmal aus, ob sie wirklich zusammen passten. Johannes Paul II. konnte sich nicht einmischen, weil er gerade auf Welttournee war, und Kardinal Ratzinger hatte auch keine Zeit, sich um griechisch-trojanische Verknüpfungen zu kümmern, weil er schon in weiser Voraussicht an der nächsten Enzyklika zur menschlichen Geschlechtlichkeit arbeitete. Und außerdem dachte er schon einmal darüber nach, wie man die gefährliche Annäherung der christlichen Kirchen verhindern könne. Aber das ist ein anderes Thema!

Während die beiden also in Richtung Troja unterwegs waren, kam Menelaos nach Hause, rief mit fisteliger Stimme nach seinem Weibchen, das ihm die Heimkehr versüßen sollte. Als sie sich nun aber nicht meldete, auch nicht in ihrer Kemenate war, erfuhr er bald, dass sie mit einem gut aussehenden jungen Mann spazieren gegangen und schon seit einigen Tagen nicht wieder nach Hause gekommen sei. Menelaos, mag man sonst von ihm sagen, was man will, erfasste sofort den Ernst der Lage, erkannte, dass eine auch noch so schnelle Verfolgung des Brauträubers zwecklos sei. Er rief sofort seinen Bruder Agamemnon in Mykene-Argos zu Hilfe, um dem frechen Dieb die Beute wieder abzujagen. Dieser, auch kein Mann von übereilten Entschlüssen, informierte die anderen griechischen Mitfürsten und bestellte sie für den 15. März im nächsten Jahr nach Aulis. Sie sollten eine kampfesfrohe Mannschaft, genügend Waffen und Transportraum mitbringen. Nur so viel: es gehe gegen die Trojaner wegen Ehefrevels. Und den Rest würde man dann vor Ort sehen.

Eines der beliebtesten Ziele für Griechenland-Touristen ist das Löwentor der Stadt Mykene.

Der März des folgenden Jahres kam, die Griechen versammelten sich in Aulis und ließen es sich in Vorfreude auf die kriegerische Auseinandersetzung noch einmal so richtig gut gehen. Denn es waren ja ohnehin noch nicht alle versammelt, obwohl sie nicht mit der Deutschen Bahn kamen, wo Verspätungen bekanntlich normal sind. (Dass die Bahn der Überzeugung ist, das sei keine Verspätung, wenn ein Zug eine halbe Stunde später ankommt und man dadurch seinen Anschluss verpasst, steht auf einem anderen Blatt!) Agamemnon begab sich, wie es so seine Art war, mit ein paar Kumpanen auf die Jagd. Und er hatte Glück, eine weiße Hirschkuh trat ihm unversehens in das Büchsenlicht, er drückte ab, und das Tier streckte gleich alle viere von sich. Mit der seltenen Beute beladen kehrten sie ins Lager heim und feierten weiter ihre Dauersause; es könnte ja die letzte gewesen sein. Wer konnte schon den Moiren in die Karten gucken?

In dieser idyllischen Bucht bei Aulis trafen sich die Griechen, bevor sie zum großen Feldzug nach Troja aufbrachen.

Der Tag der verabredeten Abreise kam, es verging Tag um Tag, kein Wind regte sich. Zum Rudern, vor allem eine so weite Strecke, nach Troja, war keiner aufgelegt. Also blieb man und wartete. Irgendwann sagte dann doch einer: "Ehrlich, hier ist voll tote Hose, ich will jetzt endlich Trojaner killern. Was ist denn mit dem Wind? Kann denn keiner mal den Wetterfrosch fragen?“ Nun war Kachelmann ausgerechnet auf Urlaub, aber ein Seher namens Teiresias, den man sonst schon mal nach dem Willen der Götter fragen konnte, war verfügbar. Der wurde also herbeizitiert. Doch er märte lang rum, irgendwie wollte er nicht zu Potte kommen. "Da steckt doch irgendwas dahinter, dass der Alte das Maul nicht auftut! Sollen wir ihn mal in die Mangel nehmen?“ Teiresias merkte wohl, dass man ihm an das Leder wollte, und endlich bequemte er sich, stockend zwar, die unbequeme Wahrheit zu sagen. "Es hat hier jemand vor einiger Zeit ein der Göttin Artemis geweihtes Wild erlegt.“ "Welches?“ erscholl es aus aller Munde. "Ein Hirsch war es.“ "Ein Hirsch? Das ist doch nichts Besonderes. Erklär dich näher!“ "Es war eine Hirschkuh, eine weiße Hirschkuh.“ Agamemnon stockte der Atem. Sollte er gemeint sein? "Ach, du bist doch ein Unglücksseher, neidisch nur auf das Glück und das Können der Mächtigen!“ "Agamemnon, sprich nicht so mit mir, einem Greis, der schon vieles gesehen hat, als er noch sehen konnte, und jetzt, wo er seine Sehkraft verloren, den Willen der Götter umso besser sieht! Du bist’s, du, in der Tat, den ich meine!“ So sprach der Seher, nicht ohne die in seinem hohen Alter üblichen Wiederholungen. Nun riefen sie alle durcheinander, fragten, wie der Frevel wieder gut zu machen sei. Teiresias sagte nur zu Agamemnon: "Du musst deine Tochter Iphigenie als Sühne für die beleidigte Gottheit opfern!“

Agamemnon eierte noch lange herum, versuchte sich zu entziehen. Aber die aufgebrachte Masse der Krieger forderte ihn heraus. Iphigenie musste der Göttin geopfert werden. Doch wie die Tochter von zu Hause ins Lager locken, wie die Mutter fernhalten? Einer schlug vor, es wird Odysseus gewesen sein, der immer einen verschlungenen Pfad zur Lösung wusste: "Lass deiner Gattin ausrichten, Iphigenie soll mit Achill vermählt werden; dagegen kann sie nichts haben, das ist eine gute Partie. Und weil die Überfahrt nach Troja drängt, soll keine große Feier stattfinden, deshalb möge sie sich nicht den Strapazen der Reise aussetzen und stattdessen schon einmal die Hochzeitsfeierlichkeiten für später zu Hause vorbereiten.“

Gesagt, getan. Iphigenie kam frohgemut nach Aulis, wollte Achill in Augenschein nehmen, doch man verwehrte es ihr, legte ihr eine Binde um die Augen, führte sie zum Altar, ließ sie niederknien, der Priester waltete seines Amtes, hatte schon das Schwert gehoben. Alle schauten voll Entsetzen und Mitleid weg. Ein Nebel zog auf. Und als er sich gelichtet hatte und man wieder klar sehen konnte, stand eine Hirschkuh da, die man gerne an Stelle des Mädchens opferte. Iphigenie aber blieb von diesem Augenblick an verschwunden. ,Doch dass die Angst der Freude weiche´, wir hören später noch von ihr. Allerdings nicht mit einem hohen D wie im "Postillon von Lonjumeau".

Und in der Tat: Ein Wind kam auf, die Griechen segelten nach Troja, kämpften dort lange um die Stadt, manch wackrer Held der Griechen und Trojaner musste ins Gras beißen, bis endlich nach zehn Jahren Achill und Hektor, der berühmte Bulettenverzehrer, als Stellvertreter für die beiden Völker um die Entscheidung rangen. Der Trojaner erlag schließlich der Übermacht des Griechen, weil Zeus nach Abwägung ihrer Schicksalslose allen göttlichen Beistand von ihm abgezogen hatte.

Dieses Modell zeigt die Stadt Troja. Zwar werfen die Kritiker dem Ausgräber Schliemann vor, er habe gleich die erste Schicht als die Stadt der Ilias identifiziert, in Wahrheit sei aber erst die siebte Schicht die gesuchte Stadt. Doch immerhin hat der Hobby-Archäologe die Lage der Stadt überhaupt identifiziert.

Achill siegte zwar in diesem Kampf, doch sein unsterblicher Zorn auf Hektor und die Trojaner verleitete ihn zu einem Frevel, der ebenfalls von den Göttern mit seinem Tod geahndet wurde. Er zog mit seinem Streitwagen Hektors Leiche um die Stadt. Doch ein Wunder geschah, das Gesicht des trojanischen Helden wurde nicht versehrt, wohl weil die Götter schnell noch eine Ladung Schmierseife auf die Piste aufgebracht hatten. Wie angekündigt, auch Achill starb bald nach seinem großen Konkurrenten. Apollon selbst lenkte einen Pfeil auf seine einzig verwundbare Stelle, seine Achillesferse.

Aber auch jetzt war der Kampf noch nicht zu Ende. Erst durch eine List des – Sie ahnen es schon – Odysseus wurde die Vernichtung Trojas vollendet. Er ließ ein hölzernes Pferd bauen, in dem sich griechische Soldaten verbergen sollten. Die Griechen zogen mit ihren Schiffen ab, ließen nur Sinon, einen Mann der erfahrungsgemäß am besten lügen konnte, ohne rot zu werden – auch diese Geschichte könnte von ihm erzählt sein – bei dem Pferd zurück. Weil nun die Gefahr vorüber schien, kamen die Trojaner aus ihrer Festung und besahen sich den Mann, den sie als ungefährlich einschätzten.

Nur Laokoon roch den Braten, denn er warnte die Trojaner: "Ich fürchte die Griechen, vor allem wenn sie Geschenke bringen.“ Natürlich sagte er es auf Lateinisch, damit die Gebildeten (oder die sich dafür halten) später ein schönes Zitat hätten: "quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes". Aber wer die Wahrheit sagt, wird doppelt bestraft! Erstens glaubt ihm keiner, und zweitens ringelten sich sofort ein paar Schlangen auf den Seher zu und erdrosselten ihn samt seinen Söhnen, wie man im Vatikanischen Museum in einer nach dem Leben gestalteten Skulptur sehen kann.

Laokoon wird mit seinen beiden Söhnen von den Schlangen ergriffen und erwürgt. Die Götter hatten diese doppelsinnige Strafe ersonnen, um dem Lauf der Geschichte den für die Griechen günstigen Ausgang zu geben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Trojaner den Worten ihres Priesters geglaubt hätten! Kein Griechisch (für die wahrhaft Gebildeten), kein Homer, wohl auch kein Latein. In welcher Sprache wären dann die juristischen Grundlagentexte veröffentlicht worden? Und womit hätte ich mich beschäftigen sollen?

Sinon aber hatte nun leichtes Spiel mit seinen neuen Freunden. Er machte ihnen klar, dass sie dieses Geschenk der Götter in die Stadt ziehen müssten. "Nun ja, wenn es so nicht durch die Tore geht, dann brecht halt eine Lücke in die Mauer!“

Die Trojaner ließen sich das nicht zweimal sagen, gingen sofort ans Werk, zogen unter Ächzen und Krächzen das schwere Gerät in die Stadt und begannen gleich, den Frieden zu begießen. Nichts kann ja in der Tat schöner sein, als das Ende eines Krieges zu feiern.

Zum Glück für die griechischen Kämpfer, die sich in dem Trojanischen Pferd versteckten, hatten die Konstrukteure keine Fenster eingebaut. Verräterisch genug war ja das Klirren der Waffen, als das Gerät in die Stadt gezogen wurde.

Als nun alle Trojaner gerade ihren Rausch ausschliefen, da rückten als erstes die Eingeweide des Pferdes den Schlafenden zu Leibe, dann kamen auch die anderen Griechen, die auf diesen Moment auf der Nachbarinsel Tenedos versteckt gewartet hatten, und kühlten ihr Mütchen. Nur wenige Trojaner entkamen diesem Großschlachttag. Einer immerhin, ein Mann mit Namen Äneas, floh mit Vater und Sohn zum nächsten Schiff und gelangte nach einer heißen Zwischenstation bei einer gewissen Dido in Karthago (Nordafrika) nach rund zehn Jahren in die Gegend von Rom, das dann seine Nachkommen gründeten. Dort begrüßten ihn die Eingeborenen zünftig: "Du kommst spät! Bist du aufgehalten worden?“

Ein paar Generationen später kommt es dann durch Romulus und Remus wirklich zur Gründung der Stadt Rom. Die berühmte Wölfin säugt hier die beiden ausgesetzten Kleinen. Während die Wölfin aus sehr früher Epoche stammt, sind die Zwillinge "realistische Porträts aus der Renaissance" (Zitat: Joachim Fernau).

Odysseus irrte ebenfalls zehn Jahre auf dem Meer umher, verlor alle seine Gefährten, die einen bei Seegang, die anderen beim Landgang, als sie sich von einer Zauberin in Schweine verwandeln ließen. Schließlich kam er zu seiner treuen Penelope nach Ithaka zurück, und dort lebte, wenn wir dem Dichter glauben dürfen, nach zwanzig Jahren die alte Liebe wieder auf. Fast hätte ich es vergessen, auch Odysseus musste zu Hause erst einmal aufräumen. Denn in den Jahren seiner Abwesenheit hatten sich eine ganze Reihe von Interessenten für die Nachfolge im Amt und in der Familie eingefunden und auf Dauer eingenistet, sie benahmen sich wie die sprichwörtlichen Nassauer, von denen man aber noch gar nichts wusste. Doch der "Listenreiche", wie ihn Homer oft betitelt, konnte auch mit dem Bogen gut umgehen, was den so genannten Freiern einen letalen Ausgang der Geschichte brachte.

Nach zwanzig Jahren kehrte Odysseus endlich nach Ithaka zurück. Im Kreise seiner Ehefrau Penelope und seines Sohnes Telemach verbrachte er dort seinen Lebensabend.

Nicht ganz so erfreulich gestaltete sich die Rückkehr für Agamemnon. Denn er wurde zu Hause zwar sehnlichst erwartet, doch hatte seine "treue“ Klytämnestra zusammen mit dem neuen Lebensabschnittsgefährten Ägisth einen besonderen Empfang für ihren vom Kampf ermüdeten Heimkehrer erdacht. "Geh erst mal baden, du riechst!“ Und Agamemnon, sonst ein gewiefter Heerführer und auf Hinterhalte spezialisiert, im Umgang mit Frauen jedoch eher etwas naiv, ging arglos ins Bad, wusch seinen immer noch muskulösen Körper, und als er sich nicht versah, hatte er plötzlich ein Netz über dem Leib, Ägisth und Klytämnestra hieben mit Axt und Beil auf ihn ein. Das müsste schon ein besonderer Mann sein, der das überlebte!

Auch Mykene wurde von Heinrich Schliemann ausgegraben. Besonders bemerkenswert sind die Gräber, die direkt am Eingang in die Stadt liegen. Dort wurde die berühmte Goldmaske gefunden, die man den Touristen für die Totenmaske des Agamemnon verkauft.

An dieser Stelle sei dann auch noch das Schicksal von Iphigenie aufgeklärt. Sie war damals vom Altar weg auf die Krim befördert worden und diente dort als Priesterin der Artemis. Ihr Bruder Orest hatte inzwischen mit Hilfe seiner anderen Schwester Elektra die beiden Vatermörder umgebracht und war nun auch schuldig geworden. Als Sühne, verkündete ihm das Orakel des Gottes Apoll, solle er die Schwester nach Hause holen. So kam er nach Tauris, wie man die Halbinsel Krim damals nannte, wollte das Götterbild, die Schwester Artemis, stehlen, weil er den Orakelspruch falsch gedeutet hatte, wurde aber gefangen genommen; er berichtete seiner ihm noch unbekannten Schwester vom Fortgang der Familientragödie mit Goetheschen Worten: "Hier drang sie jenen alten Dolch mir auf, der schon in Tantals Hause grimmig wütete. Und Klytämnestra fiel von Sohnes Hand.“ Recht so, dass er den Ehebrecher Ägisth verschweigt! Endlich erkannten sich die Geschwister und verstanden nun auch den eigentlichen Sinn des Orakels. So kehrte er mit seiner leiblichen Schwester nach Argos zurück.

Heute ist die Halbinsel Krim ein Paradies für Touristen. Damals befand sich hier eine Kultstätte der Göttin Artemis, zu der Iphigenie von der Göttin entrückt worden war.

Er musste sich schließlich noch vor dem Areopag in Athen verantworten, der ihn wegen Elternmord angeklagt hatte. Die Abstimmung der Geschworenen ergab Stimmengleichheit. Hier trat Athene auf und gab ihr Votum für Orest ab, der ab sofort nicht mehr von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Seit dieser Zeit gilt bei Stimmengleichheit ein Antrag als abgelehnt.

Auf diesem Hügel in Athen soll das Gericht getagt haben, das Orest von der Schuld am Elternmord freigesprochen hat.

Von Menelaos und seiner Helena, die ja der eigentliche Ursprung aller Keilerei waren, hört man überraschend wenig. Vermutlich trifft auf sie das Grimm’sche Motto zu: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ist das gerecht?